In Erinnerung an meine liebe Freundin und Kollegin Rosi (Name geändert).

Wir haben viel zusammen gelacht und im Büro warst du wie eine liebe „Oma“, die uns immer mit Süßigkeiten verwöhnt hat. Du hast mir viel beigebracht und wir hatten viele tolle Gespräche. Du hattest keine Familie mehr und ich glaube, die haben wir dir ein bisschen ersetzt. Warum hast du uns sonst immer so verwöhnt? 😊
Weil du immer gerne gearbeitet hast und wir dein unglaubliches Wissen sehr geschätzt haben, hast du bis zu deinem 67. Lebensjahr gearbeitet und vermutlich hättest du sogar noch weiter gemacht, wenn man dich nicht irgendwann in Rente geschickt hätte. 😉

Die ersten Anzeichen kamen kurz danach

Dann war es soweit, deine Rente kam näher und auch du hast dich immer mehr darauf gefreut. Du machtest immer Witze „ich weiß gar nicht, wie ich von meiner mickrigen Rente leben soll“. Da musste ich immer schmunzeln, denn so schlecht verdientest du gar nicht. Dann war dein Abschied gekommen, ich war sehr traurig, denn deine gute Seele im Büro fehlte irgendwie. Wir telefonierten aber immer viel.. Irgendwann erzähltest du mir, dass es dir nicht gut geht und du dich traurig und schlapp fühlst. Ich bat dich zum Arzt zu gehen. Aber nein Rosi kennt sich ja mit Krankheiten und Ärzten aus (sie arbeitete über 55 Jahre in einer Krankenversicherung). Zu einem Arzt bist du nur selten gegangen. Und obwohl du meine Krebs- Geschichte und die vieler anderer Krebspatienten kanntest, bist du nie zur Vorsorge gegangen. Heute weiß ich, dass sie dein Leben gerettet hätte… Aber Rosi wusste es besser… Ja eigentlich wusste sie es wirklich besser…

Wir telefonierten wieder, du mochtest schon seit Wochen kaum das Haus verlassen und fühltest dich immer schwächer. Ich dachte tatsächlich auch an eine Depression. Wenn man 55 Jahre seines Lebens einer Firma geschenkt hat und plötzlich alleine zu Hause ist, dann kann es einem schon mal schlecht gehen, dachte ich… Als du eines Tages anfingst Blut zu husten, ließ sich der Arztbesuch jedoch nicht mehr aufschieben. Da du dein Leben lang geraucht hast und das nicht gerade wenig, hast du es auf deine Lunge geschoben. Der Arzt machte einen Lungenfunktionstest und eine Röntgenaufnahme.

Und auf einmal war er da, der Krebs…

Ich glaube du hast es schon die ganze Zeit gewusst. All die ganzen Anzeichen, die kann man doch nicht so lange ignorieren? Du hattest aus beruflichen Gründen so viel Erfahrung mit dieser Krankheit. Und dennoch hast du sie ignoriert. Es erfolgten viele weitere Untersuchungen, man schickte dich in`s Krankenhaus um dich auf den Kopf zu stellen. Dann kam der Schock. Dein ganzer Körper war voller Metastasen. Einfach überall… Wie kann man das alle die Jahre nicht merken?! Der Krebs muss bereits Jahrzehnte in die gewütet haben, wie die Ärzte zu dir sagten. Mit viel Ironie sagtest du zu mir „und ihr hab mir immer gesagt, ich kriege nochmal Lungenkrebs, wenn ich weiter so viel rauche. Aber nein, es ist Brustkrebs.“ Ich konnte darüber irgendwie weniger lachen als du. Aber ich glaube der Humor half dir die Diagnose zu verarbeiten, also machte ich mit und wir machten unsere Späße darüber. Du lachtest auch darüber, dass du dir jetzt wohl keine Gedanken mehr über deine „mickrige Rente“ machen musst.

Denn die Diagnose war schlimmer als gedacht…

Nach vielen Untersuchungen kam das vernichtende Ergebnis. Es gab Metastasen überall im Bauchraum. Die Leber und die Nieren waren bereits betroffen und sogar im Kiefer und in der Wirbelsäule hattest du bereits Metastasen. Aber am meisten haben dich wohl die Metastasen in der Lunge gequält. Später erzähltest du mir, dass du auch immer Rückenschmerzen hattest, aber du dachtest das es am Alter liegt. Wärst du nur mal zum Arzt gegangen… ☹

„Sie haben, wenn es gut läuft nur noch 1 Jahr zu leben“

So die vernichtende Aussage der Ärzte. Man erklärte dir, dass man mit geeigneten Therapien dein Leben auf 1 ½ Jahre verlängern könnte. Die Ärzte planten den Primärtumor in der Brust zu entfernen, danach sollte eine Chemotherapie und eine Bestrahlung erfolgen. Wir unterhielten uns über pro und contra dieser “Behandlungsmöglichkeit“. Für dich war das aber nicht wirklich eine Option. Durch deine Kunden bei der Arbeit kanntest du die Nebenwirkungen dieser Therapien nur zu gut und auch den Sinn in einer Operation in diesem Stadium konntest du nicht nachvollziehen. Und wenn ich ehrlich bin, ich auch nicht. Gegen den Rat der Ärzte hast du dich dafür entschieden 1 gutes Jahr einer quälenden Verlängerung deines Lebens vor zu ziehen. Die Ärzte überredeten dich, wenigstens eine hormonelle Behandlung durchführen zu lassen, damit der Krebs nicht ganz so schnell wächst und sich die Metastasen etwas eindämmen lassen. Die Nebenwirkungen waren im Gegensatz zu der Chemo- und Strahlentherapie eher gering, also willigtest du ein.

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Gegen den Rat der Ärzte

Deine Entscheidung haben nicht viele Menschen akzeptiert. Deine Freunde versuchten dich zu überzeugen die OP, die Chemo und die Bestrahlung durchführen zu lassen. Ich wurde sogar angesprochen, ob ich dich nicht überzeugen könnte. Aber das konnte ich nicht, denn das war ganz alleine deine Entscheidung und ich konnte sie sehr gut verstehen.
Heute weiß ich, dass sie es gut mit dir meinte, dass sie noch etwas mehr Zeit mit dir verbringen wollten. Dennoch hast du dir mehr Unterstützung gewünscht. Du wolltest, dass deine Entscheidung akzeptiert wird. Aber das fiel deinen Mitmenschen schwer…
Du sagtest mir, dass du darüber am liebsten nur noch mit mir redest, denn ich akzeptiere deine Entscheidung und versuchte dich nicht ständig zu den ganzen Behandlung zu überreden.

Wie geht es einem Menschen, der weiß das er sterben muss?

Wir führten viele lange Gespräche. Du sagtest mir, dass du es beruhigend findest deinen eigenen Tod planen zu können. Du hast dein Erbe geregelt und du hast dafür gesorgt, dass sich jemand um dein Grab kümmert. Denn du wolltest auch nach dem Tod niemandem zur Last fallen. Das war dir schon immer sehr wichtig…
Wir hatten aber auch viele anderen Themen, wir lachten viel und die erste Zeit ging es dir noch recht gut. Du bist sogar noch mit ein paar Freunden verreist und hast dir eine schöne Zeit gemacht. 😊 Ich habe dir immer Käsekuchen gebacken, wenn ich zu dir kam. Deinen Lieblingskuchen.. Und du erzähltest mir, dass du jetzt eigentlich jeden Abend Baileys trinkst. Du liebtest Baileys und du meintest „wenn ich jetzt noch Alkoholiker werde, ist das eh egal“. Stimmt… Also haben wir gemeinsam Baileys getrunken.

Dem Leben selber ein Ende machen?

Du machtest dir Gedanken darüber, deinem Leben selber ein Ende zu setzen. Du wolltest nicht, dass der Krebs entscheidet wann du gehst und du hattest Angst vor den kommenden Schmerzen. Wir unterhielten uns über die Möglichkeit in die Schweiz zu fahren, aber du wolltest lieber zu Hause sterben. Wir schimpfen auch darüber, dass es in Deutschland keine Sterbehilfe gibt. Auch jetzt macht mich dieses Thema einfach nur wütend, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel…
Ich machte mir Gedanken, wie ich dir helfen kann. Darf man in Deutschland Sterbehilfe leisten? Nein darf man nicht und es gibt auch nur eine ganz kleine Grauzone und auch wenn man sich in diese begibt, weiß man nicht ob man am Ende nicht im Gefängnis landet, nur weil man einem sterbenden Menschen das Ende erleichtern wollte. Trauriges Deutschland und arme Rosi… Ich glaube ich war die Einzige, der du diese Gedanken mitteiltest. Ich habe dich nie verurteilt und als Hochrisikopatient für Krebs und ehemaliger Darmkrebspatient, konnte ich dich sehr gut verstehen.

1 Jahr ist zu kurz..

Als ich dich wieder einmal besuchte (ca. 10 Monate nach der Diagnose) fragtest du mich, ob ich dir die Waschmaschine aufmachen könnte. Ich guckte wohl sehr fragend und du erzähltest mir, dass du mittlerweile zu schwach bist sie alleine zu öffnen. Du schafftest auch nicht mehr den Haushalt alleine und deine Freundin musste auf einmal sehr viel helfen. Auch länger gehen konntest du nicht mehr. Du warst aber froh über deinen schönen Garten, der jetzt im Sommer in allen Farben blühte. Ja der war wirklich traumhaft. 😊

Unsere Gespräche waren anders als sonst. Du fragtest mich, ob du mir irgendwie „helfen“ kannst und ob mir irgendwas in deinem Haus gefällt, was ich erben möchte. Ich glaube ich war etwas überfordert mit der Situation und sagte einfach nur das ich nichts möchte… An diesem Tag zeigtest du mir ein paar Bilder von dir. Ich wusste gar nicht das du gemalt hast. Aber wie gut kennt man schon die Menschen, die man jeden Tag sieht..? Du zeigtest mir auch einen liegenden Engel aus Ton. Den Engel hast du selber bemalt und er war einer deiner Lieblingsstücke. Als wir uns das nächste Mal sahen bat ich dich darum, mir diesen Engel als Erinnerung zu vererben. Ich glaube du warst sehr gerührt, die meisten deiner Freunde und Bekannten fragten nach deinem Schmuck und nach deinem Geld… Du schlucktest kurz und freutest dich darüber. Ein paar Minuten später bekam ich den Engel sicher verpackt mit einer Tüte, in die Hand gedrückt. Mehr wollte ich nicht… „Der Engel wird auf dich aufpassen“ sagtest du mir. Und bisher hat er seine Aufgabe erfüllt. 😊

 

Hast du dich richtig entschieden?

Das war das letzte Mal das wir uns sahen. Danach telefonierten wir nur noch und dann erfuhr ich, dass du im Krankenhaus bist. Obwohl ich wusste, dass deine Zeit begrenzt ist war ich dennoch traurig. Das prophezeite Jahr ging zu Ende. ☹
Am Telefon sagtest du mir, dass du nicht besucht werden möchtest. Dir fällt das Atmen bereits schwer und teilweise musstest du auch schon beatmet werden. Leider wolltest du nicht, dass ich oder jemand anderes dich so sieht. Da ich keine Familienangehörige war musste ich deinen Wunsch respektieren und konnte dich nicht einfach besuchen.
Wir redeten so lange es deine Kräfte zuließen und ich fragte dich, ob du dich wieder gegen eine Chemotherapie und die anderen Behandlungen entschieden hättest. Du sagtest „Ja das würde ich. Ich hatte 9 tolle Monate, in denen ich hingehen konnte wohin ich will. Ich musste nicht ständig zum Arzt, ich hatte durch das Morphium kaum Schmerzen und ich konnte hingehen wohin ich wollte. Das alles wäre ansonsten nicht möglich gewesen und die Schmerzen wären wohl auch unerträglich geworden. Das wären die 6 Monate nicht wert gewesen!“. Deine Antwort bringt mich auch heute noch zum Nachdenken. Und zeigte mir, dass jeder Mensch hier seine eigene Entscheidung treffen muss. Auch wenn man sie als Außenstehender nicht immer versteht.

Dann kam der Anruf

Danach hörte ich nichts mehr von dir. Du hast mir auch keine Telefonnummer gegeben, wo ich dich hätte anrufen können. Natürlich mit Absicht nicht. 😉 „Mach dir keine Sorgen um mich, war das letzte was du zu mir sagtest“. Leichter gesagt als getan.. Dann kam der Anruf ihrer Freundin „Rosi hat mich gebeten dich im Sterbefall an zu rufen. Sie ist gestern eingeschlafen“. Stille… Ich wusste das der Anruf kommen würde, aber ich war dennoch unglaublich traurig. Sie gab mir noch die Daten der Beerdigung durch und wir legten auf.
Ich kaufte mir für deine Beerdigung einen neuen Hosenanzug. Ich dachte das es dir gefallen würde, da du immer sehr viel Wert auf dein Aussehen gelegt hast und mich wohl verfluchen würdest, wenn ich nicht in meinen besten Sachen zu deiner Beerdigung komme. Ich musste ein bisschen über diesen Gedanken lachen.

Was bleibt von einem Menschen über?

Da war er nun… Der Tag deiner Beerdigung. Es war die erste Urnen- Beerdigung in meinem Leben und ich wusste nicht genau was mich erwartet. Die Trauerfeier fand in einem kleinen Rahmen statt und es wurde viel aus deinem Leben erzählt, auch einiges das ich bisher noch nicht über dich wusste. Die Ansprache war sehr schön und der Raum toll geschmückt. Da standst du nun in der Kapelle. Von dir blieb nur ein hübsches kleines Gefäß. Irgendwie konnte ich gar nicht glauben, dass du das jetzt bist… Keine Ahnung warum, aber dieser Gedanke war unbegreiflich. Ich dachte einfach nur „und das bleibt jetzt von einem Menschenleben übrig? Ein kleines Gefäß voll Asche?“. Der Gedanke machte mich traurig und mir kamen einige Tränen. Vermutlich hättest du nicht gewollt das ich weine, aber ich konnte und wollte sie nicht zurückhalten. Nach der Trauerfeier ging ich und mir wurde erst nach und nach bewusst, dass ich nie wieder mit die reden werde. Irgendwie ein komisches Gefühl…

Der Engel bleibt

Ein Teil von dir ist jedoch immer noch bei mir. Dein Engel schaut mich auch heute noch an und wacht über mich. Ich gucke ihn gerne an und denke dabei an dich und bilde mir ein, dass du irgendwie auf mich aufpasst, so wie du es mir gesagt hast. Ein tröstender und schöner Gedanke. 😊

Doch ich frage mich auch heute noch was wohl gewesen wäre, wenn du einfach 10 Jahre früher zum Arzt gegangen wärst..? Wenn du einfach mal zu Vorsorge gegangen wärst und der Frauenarzt, wie üblich, deine Brust abgetastet hätte? Wenn du einfach mal auf deinen Körper gehört hättest?

Ich schreibe diesen Artikel als Andenken an dich Rosi, damit du nie vergessen wirst, denn es heißt ja immer das Internet vergisst nichts… Aber ich möchte auch allen Menschen die deine Geschichte hier lesen sagen, geht zur Vorsorge! Hört auf euren Körper! Wenn etwas nicht stimmt, dann lasst euch bitte untersuchen! Solche Schicksale sollten ein Einzelfall bleiben!

R.I.P liebe Rosi

Vorsorge kann auch dein Leben Retten!

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